
KOMPLETTFAMILIE FÜR DAS KIND AM
BESTEN
MIT GESCHLOSSENEN AUGEN LESEN
GIFT IN DER GUTEN STUBE?
| KOMPLETTFAMILIE FÜR
DAS KIND AM BESTEN Kinder, die in Familien mit nur einem Elternteil aufwachsen, haben auch langfristig gesundheitliche Nachteile |
Durch die Verschaltung der Daten aus der Volkszählung und der sozioökonomischen Erhebung des Jahres 1990 in Schweden mit dem schwedischen Krankenhaus-Entlassungsregister sowie dem nationalen Todesursachenregister gelang es, die Gesamt- und die krankheitsspezifische Mortalität und die Zahl der Krankenhausbehandlungen von über 65 000 schwedischen Kindern, die in Familien mit nur einem Elternteil aufwuchsen, und von über 920 000 Kindern mit beiden Eltern in den Jahren 1991-1999 zu vergleichen.
H. S. FÜESSL / MMW Fortschritte der Medizin, Nr. 19 / 2003
Kinder aus unvollständigen Familien hatten insgesamt ein erheblich erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen, Suizide und Suizidversuche, Verletzungen und Suchterkrankungen. Nach Korrektur für konfundierende Faktoren wie sozioökonomischer Status oder psychische und Abhängigkeitserkrankungen der Eltern hatten Mädchen ein um das 2,1fache, Jungen ein um das 2,5fache erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen. Getrennt nach Mädchen und Jungen betrug das relative Risiko der nur bei einem Elternteil lebenden Kinder für Suizidversuche 2,0 bzw. 2,3, für Alkoholerkrankungen 2,4 bzw. 2,2 und für Drogenabhängigkeit 3,2 bzw. 4,0. Diese Probleme führten auch zu einer signifikant erhöhten Gesamtmortalität sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen aus inkompletten Familien.
Schweden vor einer schweren Zukunft
Die Daten sind insbesondere deprimierend, wenn man bedenkt, dass sie aus einem Land mit relativ hoch entwickeltem Sozialsystem wie Schweden stammen. Auf der Ebene der Gesamtpopulation wirkt sich das Aufwachsen in einer unvollständigen Familie auch langfristig äußerst negativ aus. Bislang hatte man angenommen, dass Kinder vorwiegend unter kurzfristigen ungünstigen Effekten, die sich im Verlauf eines Trennungsverfahrens der Eltern einstellen, leiden würden. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 1999 ein Viertel aller 17-jährigen Schweden die Trennung ihrer Eltern miterleben mussten und es sich historisch gesehen um ein relativ junges Phänomen handelt, so lässt sich absehen, dass Psychiatern und Sozialarbeitern große Zeiten ins Haus stehen.
Quelle: G. Ringbäck Weitoft et al.: Mortality, severe
morbidity, and injury in children living with single parents in Sweden: a
population-based study. Lancet 361 (2003) 289-295.
| MIT GESCHLOSSENEN AUGEN LESEN Bücher für blinde Kinder |
Sie streicht mit ihrer Handfläche über eine Buchseite, auf der Elemente mit verschiedenen Farben, Formen und Strukturen aufgeklebt sind. Da hält ihre Hand inne, und mit ihren agilen Fingerspitzen umfährt sie eine Form. "Eine Ziege!", ruft sie aus. Sie hat richtig erkannt, und das, obwohl sie von Geburt an blind ist und nie je eine Ziege gesehen hat. - "Wenn ich ein blindes oder sehbehindertes Kind sehe, das sich in die Lektüre eines unserer Tastbücher vertieft, so genügt mir sein Lächeln, um mich voll entschädigt zu fühlen; es rechtfertigt alle unsere Bemühungen", erklärt Philippe Claudet.
LOUIS GUINAMARD / Famille Chrétienne, Nr. 1309, Februar 2003
Philippe Claudet hat 1994 den Verband "Les Doigts qui rêvent (LDQR)" ("Die träumenden Finger") gegründet. Es handelt sich um den ersten Verein, der systematisch für Sehbehinderte geeignete Bücher veröffentlicht. Er tut dies in drei Versionen: in der Blindenschrift, in Grossschrift und in Tastschrift (als ins Papier eingraviertes Relief oder als Collage). Die Bücher sind genauso farbig wie diejenigen für sehende Kinder, denn "unsere Bücher müssen ansprechend aussehen und dürfen nicht zu Ghettobüchern werden; man soll sie miteinander teilen können."
Der Zugang zur Lektüre für alle ist oberste Devise der Herausgeber. "Lesen bleibt auch nach dem Erblinden unentbehrlich", sagt Pierre, den dieses Schicksal ereilt hat. "Denn die Freude am Lesen bleibt. Lesen ermöglicht es, sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen und sein Wissen zu erweitern."
Eine Geschichte mit pädagogischen Spielen
"Die Wahl unserer Bücher wird von einem elfköpfigen Gutachter-Komitee getroffen, das sich aus Eltern, Blinden, Psychologen, Bibliothekaren usw. zusammensetzt", erklärt Philippe Claudet. Wenn die Auswahl getroffen ist, wird ein Versuchsexemplar hergestellt und in den Schulen erprobt."
Seit ihrer Gründung bestimmt dieses pädagogische Anliegen die Auswahl der Produkte von "Les Doigts qui rêvent". 1992 war Philippe Claudet Lehrer einer Klasse für Sehbehinderte geworden, ohne Einschulung in die Blindenschrift oder in die relative Pädagogik. Er verfügte nur über ein Lehrbuch für das Erlernen der Blindenschrift aus dem Jahre 1920 Bald machte er Bekanntschaft mit der kleinen Amandine, einer sehbehinderten Schülerin, die mit 5 ½ Jahren noch nicht wusste, was ein Buch ist. In wenigen Monaten entwarf er ein Tastbuch, das er mit "Au pays d'Amandine", d.h. "Im Land von Amandine", betitelte. Er kombinierte darin eine Geschichte mit pädagogischen Tastspielen. Bald wurden auch andere Institutionen darauf aufmerksam.
Einige Monate später erhielt er ein Stipendium, um hundert Exemplare in einer Behindertenwerkstatt herstellen zu lassen. Im Gespräch erwähnt der Pfeifenraucher ganz beiläufig und ohne Aufhebens: "Es war eine Weltpremiere... das erste Tastbuch mit Text, das in grosser Stückzahl verkauft wurde." Daraufhin gründete er den Verein "Les Doigts qui rêvent", dem er sich dank der Freistellung durch die Erziehungsdirektion vollzeitlich widmen konnte. Nach neun Jahren hat der Verein 31 Titel herausgegeben und soeben das achttausendste Exemplar verkauft.
"Eine subventionswürdige kulturelle Prothese"
"Man muss wirklich Kampfgeist haben, um in diesem Sektor Herausgeber
zu sein," weiss Philippe Claudet. "Die Produktion solcher adaptierten
Werke rentiert kaum. Jedermann ist dafür, dass die Sozialversicherung
einen Rollstuhl finanziert, aber niemand sieht ein, dass auch Bücher
für Sehbehinderte subventioniert werden sollten. Diese Art von Buch muss
als eine subventionswürdige kulturelle Prothese begriffen werden, damit
es zu einem vernünftigen Preis erhältlich ist."
Die hohen Kosten entstehen, weil jedes Exemplar vier Stunden Handarbeit erfordert. Man muss die Materialien einzeln einfügen und die Blindenschrift verwenden. "Wir verkaufen auf Verlust und müssen um Subventionen kämpfen. Wenn das Buch einen erschwinglichen Preis hat, verkauft es sich sehr schnell. Ein Titel, Crockato', konnte dank einer europäischen Subvention für 15 Euro angeboten werden. In ein paar Monaten gingen dreihundert Exemplare weg."
Im Jahr 2004 wird Claudet zum zehnjährigen Jubiläum der LDQR eine Neuauflage von Amandine herausbringen: für 15 Euro und ohne finanziellen Verlust, dank Sponsoren aus der Wirtschaft. Die Arbeit geht ihm nicht aus. Wenn er nicht in seinem Büro ist, besucht er gerade eine Buchmesse oder vervollkommnet das TOM-Verfahren (Tactile Object Multisupport), das neben dem Papier weitere Blindenschrift-Träger entwickelt, oder dann trifft man ihn im Centre Amandine der Universität Paris V an, deren Studenten die Tastvorstellungen der Blinden erforschen. "Wir wissen noch nicht, welche Vorstellungen sich die Blinden von den betasteten Bildern machen", räumt er ein. "Die Tastexperimente sind sehr neu."
Das Buch muss betastet werden
Das Problem der Illustration bleibt für die Kinder und für die Erwachsenen entsprechend gross. "Man muss zwischen dem illustrierten Buch und dem Text unterscheiden", meint Claude Garrandès vom Verlag Arrimage in Nizza. "Auch wenn die taktile Lesbarkeit der Illustrationen noch nicht gelöst ist, so ist man beim Text doch schon bedeutend weiter. Der technologische Fortschritt erlaubt hier bereits einen besseren Zugang."
Unter diesen Tastcodes befindet sich natürlich auch die Blindenschrift Braille. Der Verein Valentin-Haüy verfügt über ein Repertoire von dreissigtausend Titeln in dieser Schrift, die per Post oder über sein eigenes Verteilernetz erhältlich sind. Der Nachteil bleibt, dass ein Taschenbuch von zweihundertfünfzig Seiten in Blindenschrift neun Cents teurer zu stehen kommt.
Valentin-Haüy verfügt auch über siebentausend Hörbücher, die von "Stimmenspender"-Verbänden produziert werden. Im auditiven Bereich gibt es ausserdem ein Orchester, das Trio Tanis, das eine Audio-CD hrausgegeben hat, begleitet von einem gedruckten Textbuch, einem Büchlein in Blindenschrift und einer Begleit-CD-ROM für die Sehbehinderten, die Braille nicht lesen. "Dieses Konzept erlaubt den Sehbehinderten einen Zugang zu allen Schlüsselelementen der Musik: dem Komponisten, dem Werk, den Interpreten", erklärt Anni Savin, Präsidentin des Verbandes Trio Tanis.
Heute ist es zudem auch möglich, alle Informatiktexte in gesprochene Texte umzuwandeln, dank spezieller Computerprogramme, die auch über Internet erhältlich sind. "Die Vokalisierung wird aber bloss eine Ergänzung zur Blindenschrift bleiben", meint ein Benutzer der Bibliothek von Valentin-Haüy. "Ohne die geschriebene Stütze verliert man den Umgang mit der Orthografie und dem grammatikalischen Satzbau. Überdies hängt man von der Intonation eines Lesers ab, der es dem Zuhörer nicht immer erlaubt, eine eigenständige Beziehung zum Buch zu entwickeln."
"Der Sehende erfasst die Dinge zugleich auditiv und visuell", ergänzt Philippe Claudet. "Deswegen diktieren die Lehrer und schreiben gleichzeitig an die Wandtafel. Ein Blinder setzt an die Stelle des Sehens das Tasten. Man darf die Blindenschrift nicht aufgeben, denn sie bildet für Blinde die einzige Möglichkeit, die Sprache zu fixieren."
Auch die Vokalisierungs-Verfahren stellen Probleme. Einmal sind sie teuer, weil sie fortgeschrittene Informatikinstallationen benötigen. Ausserdem bleiben sie älteren Menschen oft fremd, die erst im Laufe der Zeit erblindet sind und an den alten Lesegewohnheiten hängen. - "Alle haben das Bedürfnis, das Buch zu betasten, sie brauchen den Kontakt mit dem Papier", erinnert Florence de Belsunce. Die "Editions de la Loupe" richten sich vor allem an ein solches Publikum; sie wurden im März 2002 gegründet und geben vor allem Bücher in Grossbuchstaben heraus. "Mein Grossvater war blind. Wir mussten ihm vorlesen, vor allem aus der Bibel. Das sind Erinnerungen, die einen prägen."
Bedürfnis nach solider geistiger Nahrung
Es gibt bereits etwa zehn Verlagshäuser, die Bücher in Grossbuchstaben
anbieten. Gesamthaft erscheinen jedes Jahr mehrere hundert Titel. Die "Editions
de la Loupe" zeichnen sich dabei auch durch ihre Verlagslinie aus: Sie
setzen auf Bücher "zur Erbauung des Menschen", wie Florence
de Belsunce erklärt. "Die älteren Leute sind durch den Verlust
ihrer Sehfähigkeit von der Lektüre der Bücher gerade in einem
Alter ausgeschlossen, wo das Bedürfnis nach geistiger und spiritueller
Nahrung besonders gross ist. Dieser Lesehunger hat mich wirklich erstaunt.
Wir bieten daher eine Auswahl von Werken, die eine positive Sicht des Menschen,
seines Lebens und seiner Situationen geben. Dabei dreht sich das Ganze um
drei Achsen: Kultur, Religion und Entspannung." Dieses von einem christlichen
Engagement getragene Angebot konnte in Zusammenarbeit mit einem Direktor der
Provinzverwaltung bereitgestellt werden. Bezweckt werden damit auch psychologische
Unterstützung, Solidarität und kulturelle Öffnung bezüglich
dieses Publikums.
Sechzehn Titel sind bereits erschienen, darunter etwa "Rémy, l'agent secret numéro un de la France libre" oder "Plus fort que la haine" von Tim Guénard. "Unsere Auflage beträgt im Schnitt fünfhundert, maximal tausendfünfhundert." Die Bücher haben die Schriftgrösse 17 und sind mit Antireflexpapier ausgestattet. Sie kosten etwa so viel wie vergleichbar normale Bücher. Sie gelangen vorläufig noch per Versand zu ihren Lesern. "Die Leute können problemlos unseren Katalog anfordern oder unsere Grossschrift-Bücher in den Bibliotheken ausleihen."
Der inhaltlichen Linie des Verlags entspricht im Übrigen auch seine Unternehmensphilosophie. Die "Editions de la Loupe" werden in Sachen Verpackung bzw. Lagerung der Bücher bald mit einer Behindertenwerkstatt und mit den Religionsgemeinschaften zusammenarbeiten. Einen besonderen Wunsch schliesslich möchte sich Florence de Belsunce erfüllen: die Herausgabe einer Bibel mit Schriftgrösse 17.
| GIFT IN DER GUTEN STUBE?
Die Luft in unseren Wohnungen ist schlechter als die im Freien - trotz Umweltverschmutzung |
Mehrere hunderttausend Menschen in der Schweiz leiden unter Allergien, deren Ursachen in den Wohnungen und Häusern liegen. "Die dicht abgeschlossenen Gebäudehüllen von neuen und renovierten Bauten verhindern, dass ein natürlicher Luftwechsel stattfindet und somit Schadstoffe aus der Wohnung entweichen können", sagt Architekt Caspar Steiger. Mögliche Folgen sind bei empfindlichen Menschen: Kopfschmerzen, triefende Nase und rote Augen, aber auch Atembeschwerden, Schlafstörungen und Nervosität.
MARIANNE SIEGENTHALER / Brückenbauer, 11. Februar 2003
Die Belastung durch Wohngifte wie Formaldehyd oder Asbest ist dank entsprechenden Maßnahmen stark gesunken. Heute sind es hauptsächlich biologische Stoffe, die das menschliche Immunsystem strapazieren.
Was bringt Hilfe?
Schimmelpilze: "Hier hilft regelmäßiges, intensives Lüften oder bei Neubauten der Einbau einer Belüftungsanlage", sagt Steiger und empfiehlt, die Luftfeuchtigkeit mit einem Hygrometer zu kontrollieren. "Denn neue Fenster schließen so dicht, dass kaum ein Luftaustausch stattfindet." Die Luft kann sich folglich mit Feuchtigkeit von Kochen, Atmen und Duschen anreichern, und es können sich Schimmelpilze bilden. Diese lösen häufig allergische Reaktionen aus.
Tierhaare: "Allergiker sollten Wollteppiche ebenso meiden wie Daunendecken oder Rosshaarmatratzen. Hier eignet sich synthetisches Material sehr viel besser", sagt Steiger. Und der Gesundheit zuliebe muss man als Allergiker halt aufs Haustier verzichten. Denn ob Kätzchen oder Wollteppich - beide können Allergien auslösen.
Hausstaubmilben: "Am wohlsten fühlen sich Hausstaubmilben im Bett", sagt Steiger. Deshalb sollte die Bettwäsche häufig mit 60 Grad gewaschen werden. Und weil Milben kalte, trockene Luft nicht mögen, hilft es, die Raumtemperatur auf unter 20 Grad zu senken. Hausstaubmilben leben hauptsächlich von menschlichen und tierischen Hautschuppen und Haaren, aber auch von Wolle, Fasern oder Federn.
Elektrosmog: "Vor allem im Schlafzimmer sollten empfindliche Menschen über Nacht sämtliche Elektrogeräte ausstecken oder zumindest aus der Nähe des Bettes entfernen. Denn künstlich erzeugte elektrische und magnetische Felder können unter anderem zu Schlafstörungen führen", sagt der Baufachmann Steiger. Elektrische Felder sind im Gegensatz zu magnetischen leicht abschirmbar. Die noch bessere Lösung: Lassen Sie sich einen Netzfreischalter installieren!
Infos und Beratung: Institut für Baubiologie SIB, Militärstrasse
84, 8004 Zürich, Tel. 0848 840 048; oder www.gesund-wohnen.ch.